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Verbesserte Erntelagerung in Ostafrika – Projekt in Tansania

Mais nach einem Jahr hermetischer Lagerung.

Inhalt

Das Projekt

Nahrungsmittelverluste in Sub-Sahara Afrika sind hoch. Kostengünstige Lösungen zur Reduktion von Verlusten, beispielsweise durch verbesserte Lagerhaltung existieren, finden aber noch kaum Beachtung. In unserem Projekt untersuchen wir die Gründe und entwickeln gemeinsam mit kleinbäuerlichen Haushalten mögliche Lösungsansätze. Dabei fragen wir auch:

  • Wie können Politik und Praxis die Verbreitung verbesserter Erntelagerung effektiv fördern?
  • Was ist der Beitrag von verbesserter Erntelagerung auf die Ernährungssicherheit kleinbäuerlicher Haushalte?

Dr. Matthias Huss
UZH
(Projektleitung)
E-Mail

Dr. Michael Brander
UZH
(Projektleitung)
E-Mail

Janet Maro
Sustainable Agriculture Tanzania

Dr. Ramadhani Omary Majubwa
Sokoine University of Agriculture

Felix Bachmann
Helvetas Tanzania

Beitrag zu den SDGs

SDG 1 – Keine Armut
Verlustfreie Erntelagerung bedeutet für kleinbäuerliche Haushalte, dass ein grösserer Teil der eingebrachten Ernte zum Verkauf zur Verfügung steht. Sie bietet aber auch verbesserte wirtschaftliche Möglichkeiten. Die Vermeidung hoher Verluste während der Lagerperiode gibt kleinbäuerlichen Haushalten Entscheidungsautonomie über den Verkaufszeitpunkt: So können Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihre Produkte über das Jahr gestaffelt verkaufen und damit bessere Preise erzielen, als dies zum Erntezeitpunkt üblicherweise der Fall ist. Auch die Gemeinschaft profitiert so von geringeren saisonalen Preisschwankungen.

SDG 2 – Kein Hunger
Durch verbesserte Lagerung stehen der Gesellschaft mehr Nahrungsmittel zur Verfügung, sowohl absolut, als auch im Jahresverlauf. Besonders bedeutend ist dies in den Monaten vor der nächsten Ernte («lean season») wenn ohnehin rückgängige Lagermengen durch sonst entstehende Verluste zusätzlich dezimiert werden. Saisonale Ernährungsunsicherheit kann so reduziert werden.

SDG 3 – Gesundheit und Wohlergehen
Durch hermetische Erntelagerung kann der (oft verbreitete) Einsatz von Pestiziden zum Schutz des Lagergutes vor Insektenbefall vermieden werden, gleichzeitig beugt sie der Akkumulation von Aflatoxinen im Getreide vor.

SDG 12 – Nachhaltige/r Konsum und Produktion
Die Vermeidung von Verlusten bereits produzierter Nahrungsmittel ist eine Alternative zu Produktionssteigerungen, die ihrerseits mit weiterem Druck auf natürliche Ressourcen in oft ohnehin stark beanspruchten Ökosystemen verbunden sind.

SDG 13 – Massnahmen zum Klimaschutz
Die Vermeidung von Nahrungsmittelverlusten trägt unmittelbar zum Klimaschutz bei: Das IPCC beispielsweise schätzt den Nahrungsmittelverlusten zurechenbaren (und weitgehend vermeidbaren) Eintrag an Treibhausgasen in die Atmosphäre auf 8-10 Prozent der anthropogenen Gesamtemission.

Hintergrund

Hunger und Armut – überall auf der Welt – zu beenden sind zentrale Ziele der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung. Doch seit der Verabschiedung der Agenda im Jahr 2015 hat die Prävalenz der schweren Ernährungsunsicherheit zugenommen. Am prekärsten ist die Lage in Subsahara-Afrika, wo 29,5 % der Bevölkerung schwer betroffen sind. Gleichzeitig, und entgegen dem weltweiten Trend nimmt extreme Armut in Subsahara-Afrika weiter zu. Schätzungen der Weltbank für 2021 gehen von 480 Millionen Betroffenen aus. Mit dem Krieg in der Ukraine erreichen die Preise für Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt Höchststände. Insbesondere in importabhängigen Ländern, wie beispielsweise Kenia und Tansania, wird eine weitere Verschärfung der Ernährungs- und Armutssituation erwartet.

In Subsahara-Afrika sind etwa 70-80% der landwirtschaftlichen Betriebe kleiner als zwei Hektar. Diese kleinbäuerlichen Haushalte sind auf Nahrungsmittel und ein direktes Einkommen aus ihren jährlichen oder halbjährlichen Ernten angewiesen. Die Saisonalität der Ernten führt jedoch zu Schwankungen bei der Ernährungssicherheit und den lokalen Lebensmittelpreisen. Die Ernährungsunsicherheit der Haushalte ist am höchsten in der «lean season», also kurz bevor eine neue Ernte eingebracht wird. Auch Lebensmittelpreise sind zur Erntezeit oft niedrig und steigen dann in der lean season meist substanziell.

Diese saisonalen Schwankungen deuten darauf hin, dass Kleinbauern nicht in der Lage sind, die erwirtschaftete Ernte zuverlässig zu lagern und damit den Konsumbedarf ihrer Familien über das gesamte Erntejahr hinweg sicherzustellen. Angesichts erheblicher Lagerverluste, die alleine bei Mais – dem wichtigsten Grundnahrungsmittel – auf 25.6% geschätzt werden, überraschen die beobachteten Schwankungen in der Ernährungsunsicherheit und lokalen Preisen kaum. Durch die Lagerverluste sind Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zusätzlich auch von einem wichtigen Teil der Wertschöpfungskette ausgeschlossen. Ohne sichere Lagermöglichkeiten sind sie gezwungen entweder Nahrungsmittelverluste zu akzeptieren oder aber ihre Ernte unmittelbar zum Erntezeitpunkt – und damit zu einem meist tiefen Preis – zu verkaufen. Unser Ziel ist es diese verknüpften Probleme, die derzeit die Aussichten auf eine nachhaltige ländliche Entwicklung in Subsahara-Afrika behindern, durch ein integriertes Feldforschungsprogramm anzugehen.

Die bisherigen Ergebnisse unserer anwendungsorientierten Forschung haben gezeigt, dass die Bekämpfung der saisonalen Ernährungsunsicherheit und der saisonalen Preisschwankungen bei Lebensmitteln notwendigerweise die Berücksichtigung von Nachernteverlusten bei der Lagerung erfordert. Eine verbesserte Lagerung hat die saisonale Ernährungsunsicherheit in kleinbäuerlichen Haushalten deutlich verringert. Die stärkste Reduktion (Reduktion von 38% in der Anzahl hungerleidender Haushalte) wurde in der lean season festgestellt (wie unsere Publikation in der Fachzeitschrift «Food Policy» zeigt). Gleichzeitig zeigen unsere Resultate, dass Haushalte, die im Rahmen unseres Projektes von verbesserter Erntelagerung profitiert haben, auch während der COVID-Pandemie weniger von Hunger betroffen waren. Die Analyse wurde in der angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift «Global Food Security» veröffentlicht. Darüber hinaus legen unsere Ergebnisse den Schluss nahe, dass eine verbesserte Lagerung die saisonalen Preisschwankungen von Lebensmitteln – konkret die Unterschiede zwischen den höchsten und niedrigsten Preisen in einem Erntezyklus – verringert. Die im Projekt eingesetzte Methode verbesserter Erntelagerung sind hermetische Erntesäcke. Die hermetische Lagerung begrenzt den Sauerstoff im Lagergut, was zum Austrocknen von Insekten, Pilzen und anderen Schädlingen führt, die die gelagerten Körner verderben.

Motiviert durch die erste Projektphase, die sich auf die Wirkung verbesserter Erntelagerung konzentrierte, fokussieren wir unsere aktuelle Forschungsphase auf die Verbreitung (Adoption) der gewonnenen Erkenntnisse bei kleinbäuerlichen Haushalten. Bislang ist die Anwendung von Technologien zur verbesserten Lagerung, einschließlich dem Einsatz der Erntesäcke in Sub-Sahara Afrika gering. Um dieses Problem anzugehen, setzt unser Forschungsprogramm auf verschiedene partizipative Feldexperimente, in denen gemeinsam mit kleinbäuerlichen Haushalten Ansätze zur Förderung der verbesserten Praxis entwickelt und getestet werden.

In Tansania (2021-2024), analysieren wir gemeinsam mit Kleinbäuerinnen, Entwicklungsakteuren und der Privatwirtschaft, bestehende Zugangshürden, Hindernisse und Faktoren, die es kleinbäuerlichen Haushalten erschweren in hermetische Erntelagerung zu investieren. Erste Erkenntnisse aus Diskussionen mit Projektteil-nehmenden der ersten Phase legen folgende Überlegungen nahe: Obwohl die Lagerlösungen in der Regel kostengünstig sind (ca. 2 CHF pro 100kg Erntesack), werden die erforderlichen Investitionen von ressourcen-defizienten Kleinbauern als beträchtlich angesehen. Sie können sich die Ausgaben nur leisten, wenn sich die Investition rechtzeitig auszahlt. Während landwirtschaftliche Produktionsmittel von der Mehrwertsteuer befreit sind, müssen die Bäuerinnen und Bauern Mehrwertsteuer (18% in Tansania) für Nacherntetechnologien wie hermetische Erntesäcke zahlen. Dadurch steigen die Kosten für Nacherntetechnologien im Vergleich zu den landwirtschaftlichen Produktionsmitteln. Die Ausweitung dieser Mehrwertsteuerbefreiung auf hermetische Lagertechnologien würde zu niedrigeren Preisen führen, was die Kaufbereitschaft kleinbäuerlicher Haushalte erhöhen dürfte. Wir testen inwiefern und in welchem Masse eine mögliche Mehrwertsteuerbefreiung die Verbreitung von hermetischen Erntesäcke fördern kann, und nutzen diese Evidenz um die entsprechende politischen Entscheidungen zu informieren (in Zusammenarbeit mit unseren lokalen Partnern).

Zusätzlich ist die Liquidität der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zur Erntezeit, wenn normalerweise in eine verbesserte Lagerung investiert würde, eingeschränkt. Zu diesem Zeitpunkt warten die Bauern auf Einnahmen aus dem Verkauf von Teilen ihrer jährlichen oder halbjährlichen Ernte. Sobald ein Teil der Ernte verkauft ist, verfügen die Landwirte zwar über ausreichende Liquidität, haben aber nur noch wenig Getreide zu lagern, was die wirtschaftlichen Möglichkeiten einschränkt und die Investition unattraktiv macht. Nach intensiven Diskussionen mit verschiedenen Bauerngruppen gehen wir davon aus, dass das Angebot eines Zahlungsaufschubs für den Kauf von hermetischen Lagersäcken (z. B. eine Zahlung, die einige Wochen später fällig wird) dazu beiträgt, dieses Dilemma zu überwinden, und zu einer höheren Kaufbereitschaft führt.

Die Risikowahrnehmung der Landwirte ist ein weiteres, zentrales Hindernis für die Akzeptanz.  Die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum sicher zu lagern, gibt den Landwirten die erwünschte Autonomie, um zu entscheiden, wie viel ihrer Erzeugnisse sie zu welchem Zeitpunkt verkaufen möchten, wobei der Verkauf in der mageren Jahreszeit (lean season) in der Regel mit höheren Preisen verbunden ist. Im Gegenzug können die Landwirte Lebensmittel einlagern, wenn die Preise niedrig sind – oft zur Erntezeit. Für Landwirte, die mit der hermetischen Lagerung nicht vertraut sind, ist es naturgemäß schwierig, die zu erwartenden Vorteile zu beurteilen und die Chancen gegen die Kosten abzuwägen, insbesondere wenn nicht auf Erfahrungswissen (z.B. eigene Erfahrungen oder Erfahrungen von Verwandten oder Nachbarn) zurückgegriffen werden kann. Eine Überbewertung der Risiken und Unterschätzung der Vorteile einer Investition in verbesserte Lagerung resultiert. Wir testen inwiefern kleinbäuerliche Haushalte die in der ersten Projektphase bereits hermetische Erntesäcke testen konnten (und damit Vorteile und Kosten besser abwägen können) eher bereit sind in neue Erntesäcke zu investieren. Dies vergleichen wir mit Haushalten welche noch keine Erntesäcke testen konnten.

In einem verbundenen Projekt in Kenia, erweitern wir unsere praxisorientierte Forschung um den Aspekt der Nahrungsmittelqualität und Transparenz auf lokalen Märkten, und testen weitere Massnahmen hinsichtlich der Risikowahrnehmung der Landwirte.

Die Resultate werden regelmässig mit Akteuren aus der Politik (lokal und international), und internationalen Organisationen (beispielsweise dem Welternährungsprogramm) diskutiert. Um informierte Entscheide treffen zu können benötigen Politik und Entwicklungsakteure überzeugende, da wissenschaftlich gut abgesicherte Evidenz, ob, und in welchem Ausmass sich Investitionen in die Reduktion von Nachernteverlusten in eine Reduktion von Hunger und Armut übersetzen und inwiefern diese Investitionen effektiv gefördert werden können. Unser Projekt liefert diese Evidenz.

Bilder

Mais ist das Grundnahrungsmittel in Ostafrika. Doch durch Insektenbefall und Schimmel geht ungefähr ein Viertel der Maisernte verloren.
Durch einfache hermetische Erntesäcke können die Verluste bei der Lagerung stark reduziert werden.
Das Projektteam zusammen mit der liechtensteinischen Aussenministerin Dominique Hasler bei einem Besuch in Tansania.
Ein Projektteilnehmer beantwortet die SMS Unfrage der Universität Zürich.

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